Veröffentlicht am März 11, 2024

Erfolgreiches Networking auf Vernissagen ist kein Zufall, sondern eine Frage der richtigen Strategie, um soziales Kapital aufzubauen.

  • Der richtige Auftritt (Kleidung, Gesprächseinstieg) signalisiert Zugehörigkeit und Kompetenz, noch bevor Sie ein Wort über Ihr Geschäft verlieren.
  • Die Herkunft eines Künstlers (Professor, Akademie) ist oft ein wichtigerer Indikator für dessen Marktwert als das Werk selbst und somit ein entscheidender Gesprächsansatz.

Empfehlung: Behandeln Sie jede Vernissage wie eine strategische Operation. Ihr Ziel ist nicht, Freunde zu finden, sondern wertvolle Kontakte zu identifizieren und einen Plan für das Follow-up zu haben.

Für viele Unternehmer und Führungskräfte sind Galerieeröffnungen ein Minenfeld. Man steht mit einem Glas Wein in der Hand zwischen Menschen, die aussehen, als wüssten sie genau, warum sie hier sind, während man selbst versucht, nicht aufzufallen. Die üblichen Ratschläge zum Networking – „sei du selbst“, „zeige Interesse“ – wirken hier blass und unzureichend. Man spürt, dass es ungeschriebene Regeln gibt, ein System von Signalen und Codes, das darüber entscheidet, wer ernst genommen wird und wer nur als dekoratives Beiwerk dient.

Die Versuchung ist groß, sich auf das zu konzentrieren, was offensichtlich ist: die Kunst an den Wänden. Doch was, wenn man kein Kunsthistoriker ist? Was, wenn die abstrakten Werke mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben? Die Angst, sich durch eine falsche Bemerkung zu blamieren, führt oft dazu, dass man schweigt, oberflächliche Kontakte knüpft oder die Veranstaltung verlässt, ohne einen einzigen relevanten Lead generiert zu haben.

Aber was, wenn die Vernissage weniger eine soziale Veranstaltung und mehr ein strategisches Schachbrett ist? Dieser Artikel bricht mit der Vorstellung, dass man ein Kunstexperte sein muss, um in diesem Umfeld erfolgreich zu sein. Stattdessen positionieren wir die Vernissage als das, was sie für den strategischen Netzwerker ist: eine Bühne zur Demonstration von sozialer Kompetenz und zum Aufbau von wertvollem sozialem Kapital. Es geht nicht darum, Kunst zu analysieren, sondern darum, die Machtstrukturen der Kunstszene zu verstehen und für die eigenen geschäftlichen Ziele zu nutzen.

Wir werden Ihnen zeigen, wie Sie die richtigen Fragen stellen, die nonverbalen Codes der Kleidung entschlüsseln, auf die exklusiven Gästelisten kommen und einen Kunst-Kontakt systematisch in einen Business-Lead verwandeln. Betrachten Sie diesen Leitfaden als Ihre Anleitung zur strategischen Eroberung des Kunstraums – ganz ohne Kunststudium.

Um in diesem anspruchsvollen Umfeld erfolgreich zu navigieren, ist ein strukturiertes Vorgehen unerlässlich. Der folgende Überblick zeigt Ihnen die entscheidenden Etappen, um eine Vernissage strategisch für Ihre Geschäftsziele zu nutzen.

Was sagen, wenn man keine Ahnung hat? 3 Fragen, die Sie jedem Künstler stellen können

Die größte Hürde für viele ist die Angst, im Gespräch über Kunst inkompetent zu wirken. Die Lösung liegt nicht darin, so zu tun, als ob man Ahnung hätte, sondern darin, strategische Fragen zu stellen, die Interesse signalisieren und den Künstler oder Galeristen ins Zentrum rücken. Ihr Ziel ist nicht, das Kunstwerk zu deuten, sondern eine Verbindung zum Menschen herzustellen. Intelligente Fragen zeigen, dass Sie ein aufmerksamer Beobachter sind, der über den Tellerrand blickt – eine wertvolle Eigenschaft in jedem Geschäftsbereich.

Vergessen Sie Fragen wie „Was soll das darstellen?“. Diese wirken naiv und führen selten zu einem gehaltvollen Gespräch. Konzentrieren Sie sich stattdessen auf den Prozess, den Kontext und die Entwicklung des Künstlers. Solche Fragen öffnen die Tür für Erzählungen und geben Ihnen wertvolle Informationen über die Arbeitsweise und das Netzwerk der Person. Es sind diese Informationen, die später als Brücke zu einem geschäftlichen Austausch dienen können.

Die folgenden drei Fragen sind universell einsetzbar. Sie erfordern keine Vorkenntnisse, positionieren Sie aber sofort als ernstzunehmenden Gesprächspartner:

  • „Wie hat sich Ihre künstlerische Praxis seit Ihrer Ausbildung bei [Name des Professors/der Institution] entwickelt?“ Diese Frage signalisiert, dass Sie sich (wenn auch nur minimal) vorbereitet haben und Interesse an der professionellen Laufbahn des Künstlers zeigen.
  • „Welche technischen oder materiellen Herausforderungen mussten Sie bei diesem spezifischen Werk überwinden?“ Diese Frage verlagert das Gespräch von der abstrakten Interpretation auf eine greifbare, praktische Ebene und würdigt das handwerkliche Können.
  • „Wie sehen Sie die Verbindung Ihrer Arbeit zum aktuellen gesellschaftlichen Diskurs oder zum lokalen Kontext hier in [Stadt]?“ Diese Frage baut eine Brücke zwischen der Kunst und der realen Welt – Ihrem Spielfeld als Unternehmer.

Mit diesen Werkzeugen verwandeln Sie Unsicherheit in strategische Neugier. Sie sammeln Informationen nicht über das Kunstwerk, sondern über den Künstler und sein Umfeld – das wahre soziale Kapital der Kunstszene.

Overdressed oder Underdressed: Was zieht man zur Galerieeröffnung in Berlin-Mitte vs. München-Maximilianstraße an?

In der Kunstwelt ist Kleidung mehr als nur Stoff – sie ist ein nonverbales Signal, ein Akt des „Code-Switching“. Ihr Outfit kommuniziert, ob Sie die ungeschriebenen Regeln des jeweiligen sozialen Mikrokosmos verstehen. Ein Fehler hier kann dazu führen, dass Sie als Außenseiter markiert werden, bevor Sie überhaupt die Chance auf ein Gespräch hatten. Die Herausforderung besteht darin, dass es keinen universellen Dresscode gibt. Die Erwartungen in einer hippen Galerie in Berlin-Mitte unterscheiden sich fundamental von denen in einer etablierten Galerie an der Münchner Maximilianstraße.

In Berlin dominiert oft der „kreative“ Look: hochwertiges, aber unaufdringliches Schwarz, oft von lokalen Designern oder skandinavischen Labels, kombiniert mit dezenten, aber teuren Sneakern. Es geht um eine durchdachte Lässigkeit, die signalisiert: „Ich bin Teil der kreativen Klasse, aber ich muss es nicht zur Schau stellen.“ In München hingegen herrscht oft eine klassischere Eleganz vor, die an italienische „Sprezzatura“ erinnert. Hier zählen edle Stoffe wie Kaschmir, gut geschnittene Sakkos und hochwertige Lederschuhe. Auffällige Logos sind verpönt; der Luxus ist zurückhaltend und für Kenner erkennbar.

Die Wahl der richtigen Kleidung ist eine strategische Positionierung. Es geht darum, visuell mit der Umgebung zu verschmelzen, um dann durch Ihre Persönlichkeit und Ihre Gesprächsinhalte hervorzustechen. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Unterschiede zusammen und dient als Leitfaden für Ihren nächsten Galeriebesuch.

Dresscode-Vergleich: Berlin-Mitte vs. München-Maximilianstraße
Aspekt Berlin-Mitte München-Maximilianstraße
Grundstil ‚Kreatives Schwarz‘, Architekten-Look Italienische ‚Sprezzatura‘, klassische Eleganz
Marken Lokale Designer, skandinavische Labels Hochwertige Stoffe, Kaschmir, weniger Logo-Präsenz
Schuhe Hochwertige, dezente Sneakers Klassische Lederschuhe oder elegante Pumps
Accessoires Stofftasche von KW Institute, C/O Berlin Nomos Glashütte Uhr, traditionelle Schals
Ziel Durchdachte Lässigkeit Zurückhaltender Luxus
Stilvolle Besucher bei einer Galerieeröffnung in unterschiedlichen Dresscodes

Wie die visuellen Beispiele andeuten, ist das Ziel nicht Verkleidung, sondern Anpassung. Ihr Auftritt sollte signalisieren, dass Sie die sozialen Codes des Ortes respektieren und verstehen. Dies schafft eine Vertrauensbasis und erleichtert den Zugang zu den relevanten Gesprächspartnern erheblich.

Der VIP-Verteiler: Wie kommen Sie auf die Gästeliste für exklusive Pre-Openings?

Die wirklich wertvollen Kontakte werden oft nicht bei der öffentlichen Vernissage geknüpft, sondern bei den exklusiven Pre-Openings oder Sammler-Dinners. Hier treffen sich die Gatekeeper der Szene: einflussreiche Sammler, Kuratoren und die Galeristen selbst. Auf diese Gästelisten zu kommen, ist der entscheidende Schritt, um vom passiven Beobachter zum aktiven Teilnehmer zu werden. Dies erfordert eine proaktive Strategie, die über das reine Besuchen von Ausstellungen hinausgeht.

Ein häufig übersehener, aber äußerst effektiver Weg ist die Mitgliedschaft in einem lokalen Kunstverein. Deutschland hat ein einzigartiges und dichtes Netzwerk von Kunstvereinen; eine Studie zeigt, dass es mit über 300 Ausstellungsinstitutionen eine der wichtigsten Plattformen für Kunstvermittlung ist. Eine Fördermitgliedschaft, wie sie beispielsweise der Kunstverein München anbietet, öffnet oft die Türen zu exklusiven Previews und Führungen mit den Künstlern und Direktoren. Dies signalisiert nicht nur finanzielles Engagement, sondern auch ein ernsthaftes, nachhaltiges Interesse an der Kunstszene.

Eine weitere Methode ist der strategische Einstiegskauf. Sie müssen nicht sofort eine fünfstellige Summe investieren. Der Erwerb einer Edition oder einer Arbeit auf Papier eines aufstrebenden Künstlers der Galerie (im Bereich von 500-2.500 €) markiert Sie als potenziellen Sammler und sichert Ihnen die Aufmerksamkeit des Galeristen. Es ist eine Investition in Ihr soziales Kapital. Schließlich können Sie sich als Multiplikator positionieren, indem Sie der Galerie proaktiv anbieten, qualifizierte und kaufkräftige Gäste aus Ihrem eigenen Netzwerk mitzubringen. Dies schafft einen direkten Mehrwert für die Galerie und etabliert Sie als wertvollen Partner.

  • Kunstverein-Mitgliedschaft: Oft erhalten Fördermitglieder Einladungen zu exklusiven Previews mit Führungen durch die Direktorin und die Künstler.
  • Strategischer Einstiegskauf: Erwerben Sie eine Edition oder eine Arbeit auf Papier, um als potenzieller Sammler wahrgenommen zu werden.
  • Als Multiplikator positionieren: Bieten Sie der Galerie an, qualifizierte Kontakte aus Ihrem Netzwerk zu einem Event mitzubringen.

Allein oder zu zweit: Warum Sie alleine auf Events mehr neue Leute kennenlernen

Es mag kontraintuitiv klingen, aber eine der effektivsten Strategien für erfolgreiches Networking auf einer Vernissage ist, alleine zu gehen. Eine Begleitung bietet zwar eine soziale Komfortzone, fungiert aber gleichzeitig als sozialer Anker, der Sie davon abhält, neue Kontakte zu knüpfen. Man tendiert dazu, sich mit der bekannten Person zu unterhalten, und signalisiert der Umgebung unbewusst: „Wir sind beschäftigt, bitte nicht stören.“ Als Einzelperson hingegen wirken Sie zugänglicher und offener für Gespräche.

Nutzen Sie diesen „Solo-Bonus“ strategisch. Galeristen, Künstler und andere Sammler sprechen eher eine einzelne Person an, die konzentriert ein Kunstwerk betrachtet, als ein Paar, das bereits in ein Gespräch vertieft ist. Ihre strategische Positionierung im Raum wird entscheidend. Statt am Rand zu stehen, platzieren Sie sich bewusst vor einem Werk, das Sie genuinely interessiert. Dies schafft einen natürlichen Gesprächsanker – sowohl für Sie als auch für andere. Es gibt Ihnen einen Grund, dort zu sein und einen einfachen Einstiegspunkt für ein Gespräch („Was denken Sie darüber?“).

Setzen Sie sich vor dem Event ein klares Ziel, zum Beispiel: „Ich möchte heute Abend eine Person aus der Immobilienbranche treffen“ oder „Ich möchte mit dem Galeristen über seinen Marktaufbau für den Künstler sprechen.“ Dieses Ziel gibt Ihnen einen Fokus und eine Mission. Ein bekannter Networking-Experte fasst es so zusammen:

Qualität schlägt Quantität – fünf tiefgehende Gespräche bringen mehr als 20 oberflächliche Begegnungen. Menschen merken sofort, ob ihr nur auf euren eigenen Vorteil aus seid oder ob ihr eine echte Verbindung aufbauen wollt.

– Networking-Experte, Mares Media

Der Alleingang fördert nicht nur die Kontaktaufnahme, sondern stärkt auch Ihr Selbstbewusstsein. Jede erfolgreiche Interaktion ist ein kleiner Sieg, der Ihre Fähigkeit, auf fremde Menschen zuzugehen, weiter trainiert.

Nach dem Event: Wie verwandeln Sie den Kunst-Kontakt in einen Business-Lead?

Der Händedruck oder der Austausch von Visitenkarten auf der Vernissage ist nicht das Ende, sondern der Anfang des Prozesses. Der wertvollste Kontakt ist nutzlos, wenn er nicht nachgefasst wird. Die Kunst liegt darin, den Übergang vom kulturellen Smalltalk zum konkreten Business-Gespräch elegant und unaufdringlich zu gestalten. Ein strukturiertes Follow-up ist entscheidend, um das aufgebaute soziale Kapital zu aktivieren. Eine Umfrage unter Netzwerkern bestätigt dies: Es zeigt sich, dass bei strukturiertem Vorgehen 73% der Nutzer innerhalb von drei Monaten wertvolle Geschäftskontakte knüpfen.

Der Schlüssel ist eine „Brücken-E-Mail“ oder eine Nachricht auf LinkedIn/Xing innerhalb von 48 Stunden. Diese Nachricht muss einen klaren Bezug zum gemeinsamen Erlebnis herstellen. Erwähnen Sie das Kunstwerk, über das Sie gesprochen haben, oder einen interessanten Gedanken aus Ihrer Unterhaltung. Dies reaktiviert die Erinnerung und zeigt, dass Ihr Interesse echt war. Vermeiden Sie einen direkten Pitch. Schlagen Sie stattdessen einen neutralen nächsten Schritt vor, der weiterhin im kulturellen Kontext bleibt, z. B. den gemeinsamen Besuch einer thematisch verwandten Ausstellung oder die Einladung zu einem anderen Kulturevent.

Die Wertschätzung für die Zeit und das Gespräch des anderen ist ein oft unterschätztes, aber mächtiges Werkzeug. In unserer digitalen Welt kann eine handgeschriebene Dankeskarte einen enormen Eindruck hinterlassen, insbesondere bei Kontakten auf C-Level-Ebene. Sie signalisiert außergewöhnliche Mühe und Wertschätzung. Dieser Prozess verwandelt eine flüchtige Begegnung in eine nachhaltige Geschäftsbeziehung.

Ihr Aktionsplan: Die Follow-up-Strategie nach der Vernissage

  1. Zeitfenster nutzen: Senden Sie innerhalb von 48 Stunden eine „Brücken-E-Mail“ oder LinkedIn-Nachricht, die konkret auf Ihr Gespräch über die Kunst Bezug nimmt.
  2. Sichtbarkeit schaffen: Posten Sie einen wertschätzenden Beitrag über die Ausstellung auf LinkedIn oder Xing und markieren Sie die Galerie sowie den Künstler (falls passend). Das positioniert Sie als Kenner und Multiplikator.
  3. Dankbarkeit zeigen: Bei einem besonders wertvollen Kontakt kann eine handgeschriebene Dankeskarte einen bleibenden, positiven Eindruck hinterlassen und Sie von der Masse abheben.
  4. Nächsten Schritt vorschlagen: Schlagen Sie ein neutrales, kulturelles Follow-up vor, wie den gemeinsamen Besuch einer anderen Ausstellung, anstatt direkt ein Business-Meeting zu fordern.
  5. Geduld beweisen: Bauen Sie die Beziehung langsam auf. Der Übergang zum Geschäftlichen ergibt sich oft natürlich, wenn eine Vertrauensbasis geschaffen wurde.

Dresscode und Smalltalk: Wie Sie auf einer Eröffnung wirken müssen, um vom Galeristen ernst genommen zu werden

Der Galerist ist der zentrale Gatekeeper der Kunstwelt. Seine oder ihre Meinung entscheidet über Karrieren von Künstlern und den Zugang für Sammler. Um von dieser Schlüsselperson ernst genommen zu werden, müssen Ihr Auftreten und Ihre Kommunikation strategisch ausgerichtet sein. Es geht darum, Kompetenz und ernsthaftes Interesse zu signalisieren, ohne sich anzubiedern. Wie bereits besprochen, ist der Dresscode Ihr erster nonverbaler Händedruck. Er sollte dem Niveau und Stil der Galerie entsprechen – lieber unaufdringlicher Luxus als laute Marken.

Im Gespräch selbst ist Zuhören wichtiger als Reden. Beobachten Sie, wie der Galerist mit anderen interagiert. Ihr Ziel ist nicht, sofort eine Visitenkarte auszutauschen, sondern einen positiven, kompetenten Eindruck zu hinterlassen. Eine der stärksten Fragen, die Sie einem Galeristen stellen können, signalisiert, dass Sie in Marktzyklen und strategisch denken:

Wie entdecken Sie einen Künstler wie diesen und wie planen Sie seinen Marktaufbau in den nächsten Jahren?

– Empfohlene Frage an Galeristen, FasterCapital

Diese Frage hebt Sie sofort von der Masse der „Gefällt mir“-Sager ab. Sie zeigen, dass Sie die Rolle des Galeristen als strategischen Entwickler verstehen und sich für die langfristige Wertentwicklung interessieren – eine Sprache, die jeder Geschäftsmann versteht. Dies öffnet die Tür für ein Gespräch auf Augenhöhe, bei dem es nicht nur um Ästhetik, sondern um Markt, Strategie und Investition geht.

Professionelles Gespräch zwischen Galerist und Besucher bei Vernissage

Der Austausch einer Visitenkarte sollte sich aus einem solchen Gespräch natürlich ergeben und nicht erzwungen werden. Ein guter Moment ist, wenn Sie einen Anknüpfungspunkt zu Ihrem eigenen Geschäftsfeld herstellen können. Beispiel: „Die Internationalisierungsstrategie, die Sie für den Künstler verfolgen, erinnert mich an die Herausforderungen in meiner Branche. Vielleicht können wir uns dazu einmal austauschen.“ So wird der Kontakt relevant und das Follow-up hat einen klaren Anlass.

Wer fördert wen? Warum der Name des Professors oft mehr über den zukünftigen Erfolg aussagt als das Werk selbst

Um die deutsche Kunstszene strategisch zu navigieren, muss man ihre feudalen Strukturen verstehen. Anders als in vielen anderen Märkten spielt die Herkunft eines Künstlers – also bei welchem Professor und an welcher Akademie er studiert hat – eine überproportional große Rolle für seinen späteren Erfolg. Die Namen der Professoren fungieren wie Qualitätssiegel und sind Teil eines mächtigen Netzwerks. Ein Künstler aus der „Schule“ eines berühmten Professors hat einen Vertrauensvorschuss bei Galeristen, Sammlern und Kuratoren. Dieses Wissen ist ein entscheidender Hebel für Ihr Networking.

Historische Beispiele wie die Düsseldorfer Photoschule um Bernd und Hilla Becher, die Künstler wie Andreas Gursky oder Thomas Ruff hervorbrachte, oder die Neue Leipziger Schule mit ihrem Star Neo Rauch, zeigen die Macht dieser akademischen Linien. Diese „Schulen“ sind Marken, die für einen bestimmten Stil, eine Qualität und ein Marktpotenzial stehen.

Fallstudie: Die Leipziger Schule als Qualitätssiegel

Der Studiengang Malerei/Grafik an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig erlangte durch die „Neue Leipziger Schule“ weltweite Bekanntheit. Künstler wie Neo Rauch, Tilo Baumgärtel oder Julia Schmidt, die dort studierten, wurden seit ihren Ausstellungen in den frühen 2000ern international gefeiert. Die Zugehörigkeit zu dieser „Schule“ wurde zu einem Garanten für Aufmerksamkeit und kommerziellen Erfolg, was die Bedeutung der akademischen Herkunft im deutschen Kunstmarkt unterstreicht.

Wenn Sie also auf einer Vernissage sind, recherchieren Sie kurz den Lebenslauf des Künstlers. Sehen Sie Namen wie Gerhard Richter, Georg Baselitz, Hito Steyerl oder Daniel Richter, wissen Sie, dass Sie es mit jemandem aus einem einflussreichen Netzwerk zu tun haben. Dieses Wissen im Gespräch dezent einzubringen („Ich sehe, Sie haben bei Professor Richter in Düsseldorf studiert. Eine spannende Zeit in der Akademie, nehme ich an?“), signalisiert Kennerschaft und öffnet Türen, die anderen verschlossen bleiben. Sie sprechen die Sprache der Insider.

Das Wichtigste in Kürze

  • Strategie vor Smalltalk: Betrachten Sie eine Vernissage als strategisches Feld, nicht als gesellschaftliches Ereignis. Ihr Ziel ist die Identifikation und Qualifizierung von Kontakten.
  • Codes entschlüsseln: Ihr Erfolg hängt vom Verständnis ungeschriebener Regeln ab – vom regionalen Dresscode (Berlin vs. München) bis zur Bedeutung der Professoren-Namen im Lebenslauf eines Künstlers.
  • Vom Kontakt zum Lead: Eine Begegnung ist wertlos ohne einen disziplinierten Follow-up-Prozess. Nutzen Sie eine „Brücken-Nachricht“ innerhalb von 48 Stunden, um die Beziehung zu festigen.

Was können Manager von der Arbeitsweise zeitgenössischer Künstler lernen, um Probleme zu lösen?

Der Besuch einer Vernissage bietet mehr als nur Networking-Möglichkeiten. Er ist auch eine Gelegenheit, von einer der innovativsten Berufsgruppen zu lernen: den zeitgenössischen Künstlern. Manager, die ständig mit komplexen Problemen, Unsicherheit und der Notwendigkeit von Disruption konfrontiert sind, können aus den Arbeitsmethoden von Künstlern wertvolle Impulse für ihre eigene Praxis ziehen. Der deutsche Kunstmarkt, der laut einer Erhebung 2023 einen Rekordumsatz von rund 2,5 Milliarden Euro verzeichnete, ist nicht nur wirtschaftlich relevant, sondern auch ein Labor für neue Denk- und Arbeitsweisen.

Zeitgenössische Künstler sind Meister darin, mit Ambiguität umzugehen, unstrukturierte Informationen zu synthetisieren und durch Experimente zu neuen Lösungen zu gelangen. Sie arbeiten oft projektbasiert, iterativ und mit einer hohen Fehlertoleranz. Statt linearen Prozessen zu folgen, entwickeln sie Systeme, um Zufall und Entdeckung zu ermöglichen. Diese „künstlerische Intelligenz“ ist in einer volatilen Geschäftswelt ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.

Management-Tool: Gerhard Richters „Atlas“-Methode

Einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart, Gerhard Richter, arbeitet seit den 1960er Jahren an seinem „Atlas“. Dies ist eine riesige, fortlaufende Sammlung von Fotografien, Zeitungsausschnitten, Skizzen und Entwürfen. Dieser „Atlas“ ist nicht nur ein Archiv, sondern ein aktives Arbeitsinstrument. Richter nutzt es, um Muster zu erkennen, Ideen zu clustern und aus der Kombination scheinbar unzusammenhängender Informationen neue Bildwelten zu schaffen. Für Manager ist dies ein perfektes Modell für ein Wissensmanagement-System, das über starre Datenbanken hinausgeht. Es zeigt, wie man aus dem „Rauschen“ unstrukturierter Daten strategische Signale filtern und daraus innovative Geschäftsstrategien ableiten kann.

Indem Sie auf Vernissagen nicht nur nach Kontakten, sondern auch nach Methoden und Denkansätzen Ausschau halten, erweitern Sie Ihren strategischen Horizont. Fragen Sie einen Künstler, wie er zu einer Idee kommt, wie er mit kreativen Blockaden umgeht oder wie er seine Projekte organisiert. Die Antworten können inspirierender und relevanter für Ihre Management-Herausforderungen sein als mancher Business-Ratgeber.

Die Übertragung dieser künstlerischen Strategien auf das Management ist der letzte Schritt zur Meisterschaft. Von der Arbeitsweise von Künstlern zu lernen, bietet einen nachhaltigen Vorteil weit über das nächste Geschäft hinaus.

Die Fähigkeit, die Codes der Kunstszene zu lesen und für die eigenen Ziele zu nutzen, ist eine erlernbare Fähigkeit, die Sie von der Konkurrenz abhebt. Beginnen Sie noch heute damit, Ihren nächsten Galeriebesuch nicht als Verpflichtung, sondern als strategische Chance zu planen.

Geschrieben von Markus Ehlers, Promovierter Kunsthistoriker und ehemaliger Galerist mit 15 Jahren Erfahrung im internationalen Kunstmarkt. Experte für Wertermittlung, Auktionen und den Aufbau krisensicherer Portfolios für Einsteiger und Fortgeschrittene.